Als zwei Räuber – scheinbar zum Äußersten bereit – den Coffeeshop von Tom Stall überfallen, gelingt es ihm dank schneller Reaktion, die beiden gesuchten Schwerverbrecher mit ihren eigenen Waffen zur Strecke zu bringen und somit sowohl den eigenen Besitz als auch das Leben seiner Kunden und Mitarbeiter zu retten.
Die Gerechtigkeit triumphiert, der Vorfall wird weit über die Stadtgrenze bekannt. Der tapfere Wirt avanciert daraufhin zu Presseliebling und Identifikationsfigur für ganz Amerika, verkörpert er doch den Typus eines bürgerlichen Helden, der hart an seinem Wohlstand arbeitet und ihn in Notsituationen auch noch selbst zu verteidigen weiß.
Das könnte die Vorlage zu einem zweitklassigen TV-Movie sein – in den Händen Cronenbergs allerdings entsteht daraus ein verstörendes Werk über die amerikanische Seele und ihr mythologisches Verhältnis zur Gewalt. „A History of Violence“ ist nicht die einzige US-Metapher, die sich momentan in den Kinos befindet. Doch Thomas Vinterbergs „Dear Wendy“ und Lars von Triers „Manderlay“ wirken dagegen harmlos wie Studentenfilme.
Tom muss sich mehr als einmal zur Wehr setzen, und seine Gewaltanwendung ist präzise und exzessiv. Die Gewalt hilft – und sie hilft auch nicht, denn ihre Anwendung führt doch stets zur Notwendigkeit neuer, immer heftigerer Gewalt. Dann läuft die Handlung aus dem Ruder, und alles erscheint in anderem Licht. Oder doch nicht? Seltsam jedenfalls, wie wenig die verschobenen moralischen Vorzeichen an unserer Billigung von Toms Gewaltakten ändern, nur weil der zufällig eine liebenswerte Familie vorzuweisen hat.
Der Frieden des amerikanischen Traums, so scheint uns David Cronenberg mit auf den Weg geben zu wollen, trägt Gewalt in sich, weil er auf Gewalt beruht. Sie ist das eingeschriebene Erbe, das nicht gelöscht werden kann, und sie wird immer wieder hervorbrechen – wie die psychischen Defekte und Obsessionen von Cronenbergs bisherigen Helden. Gleichgültig, ob man sein neues Werk erhellend findet, tückisch oder einfach nur obszön – es treibt einen garantiert um.
Enrico Schmidtke

